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Gertraud Lehner
(*1918)



Gertraud Lehner: Leben und Schaffen


*3.6.18 Würzburg. A: (13a) Regensburg, Küffnerstr. 3. LF: Romanistik (Italienisch), Lehrbeauftr. Phil.-Theol. Hochsch. Regensburg, Studienassessorin.



Quelle: Handbuch der deutschen Wissenschaft, Bd. 2. Berlin, Koetschau, 1949. (ks)

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Gertraud Lehner: Veröffentlichungen


"Unsere Italienfahrt." In: Albertus-Magnus-Gymnasium Regensburg: Jahresbericht (1962/63): 39-40.



Zusammengestellt aus dem KVK von Kirsten Süselbeck.

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Gertraud Lehner: Dokumente


Brief vom 04. Mai 05

Regensburg, 4. Mai 05

Sehr geehrte Frau Süselbeck!

Sie wollen mir unbedingt zu einem bescheidenen Ansehen verhelfen. Danke für Ihren Brief vom 12.4. und für Ihre Bemühungen. Leider kann ich Ihnen gar nichts an wissenschaftlichen Arbeiten anbieten. Ich habe in zu turbulenten Zeiten gelebt und gearbeitet: Geb. am 3.6.1918 in Würzburg als erstes Kind eines Naturwissenschaftlers, der noch bei Prof. Röntgen Vorlesungen gehört hatte. Da Vater als Schwerkriegsverletzter des 1. Weltkrieges (beinamputiert) die naturwissenschaftlichen Exkursionen nicht mehr leiten konnte, die er als Univ. Assistent leiten sollte, wurde er Studienrat in Neumarkt/Opf. Dort verbrachte ich meine Jugend. Vater wollte seine Kinder unbedingt an einem Humanist. Gymnasium haben, das es in Neumarkt nicht gab. So kam ich mit 10 Jahren in ein Internat nach München.

Unsere Familie hatte im Dritten Reich allerlei Benachteiligungen auszuhalten, z. B. Versetzungen des Vaters.

Trotz eines sehr guten Abiturs am Humanist. Gymnasium in Weiden 1937 bekam ich nach dem Arbeitsdienst keine Zulassung zur Hochschule, offenbar weil ich in keiner einzigen NS-Organisation war, nicht einmal im BDM (Bund Deutscher Mädchen). Wohin?

Ich machte eine private Handelschule in Leipzig und wurde Auslandskorrespondentin für Italienisch. Doch Deutschland pflegte damals so gut wie keine Handelsbeziehungen zum Ausland (Schlagwort "Autarkie", vielleicht schon im Hinblick auf einen künftigen Krieg). Zu unserem "Erzfeind" nach Frankreich durfte ich auch nicht. Meine Rettung war die Ausländeruniversität in Perugia. Auf unvorstellbar komplizierten Wegen gelang es mir schließlich doch, dorthin zu kommen. Seit 1. 5. 38 war ich endlich in Italien und wollte nicht mehr zurück. Ich schlug mich noch 2 Jahre durch als Kindermädchen, Hauslehrerin, Übersetzerin, Fremdenführerin in Rom und Mailand. Inzwischen war der Krieg ausgebrochen und ich kehrte heim. Die Aussichten auf einen Studienplatz hatten sich gebessert, weil die Universitäten wegen des Fronteinsatzes der jungen Männer nur schwach besucht waren. Ich studierte - in der Hoffnung auf den späteren Einsatz in einer Schule - Altphilologie und mit Leidenschaft Romanistik unter den Professoren Rohlfs und Rheinfelder, die mir trotz fehlender Parteizugehörigkeit eine Art Assistentenstelle am Romanischen Seminar der Universität München verschaffen konnten. Doch waren diese beiden Professoren selbst ständig überwacht und über längere Zeit dienstenthoben. Um ungestört reden zu können, traf ich mich mit Prof. Rheinfelder manchmal am frühen Morgen in einer Münchner Kirche. Ich erlebte die Zeiten der "Weißen Rose" und die grausige Zerstörung Münchens. In meinem Studienbuch habe ich 2mal die Unterschriften von Prof. Kurt Huber, der am 13. 7. 43 hingerichtet wurde, da er die Studentengruppe um die Geschwister Scholl inspiriert und beraten hatte. Bei den damals hohen Studiengebühren bekam ich nie Ermäßigung, weil ich nicht im NS-Studentenbund war. Immerhin konnte ich gegen Kriegsende noch das Staatsexamen in Latein, Griechisch und Italienisch machen. Rohlfs wollte mich auch zu einer Doktorarbeit ermutigen (die Sprache Machiavellis) und ich hatte mir aus Italien dessen sämtliche Werke besogt, aber es kam nicht mehr dazu.

Unter den Übersetzungen, die ich in München vermittelt bekam, waren auch wissenschaftliche Arbeiten, aber ich besitze keinerlei Unterlagen mehr.

Immerhin konnte ich, da politisch ganz und gar unbelastet, nach dem Krieg leicht an einem Gymnasium ankommen: Altes Gymnasium in Regensburg, das heutige Albertus-Magnus-Gymnasium. An der Philosophisch-Theologischen Hochschule bekam ich einen Lehrauftrag für Italienische Sprache und Literatur, den ich ca. 40 Semester lang innehatte. An eine wissenschaftliche Arbeit war auch jetzt nicht zu denken: Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Nachkriegszeit, die Sorge um meine kranken Eltern und eine krebskranke Schwester, die nach langem Leiden früh starb, nahmen mich voll in Anspruch. - Ich bin Gründungsmitglied der Dante-Alighieri-Gesellschaft Regensburg.

Sie sehen selbst: Mit mir ist nichts zu machen. Verzeihen Sie einer fast 87-jährigen die vielen Tippfehler (bin schwer sehbehindert).

Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre Bemühungen und wünsche Ihnen ein erfolgreiches, frohes Schaffen für noch viele Jahre bei guter Gesundheit.

Mir selbst wünsche ich nach einem so aufregenden, schwierigen Leben nur einen friedlichen Tod.

Gertraud Lehner



(ks)

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Fotos



Gertraud Lehner als Studentin
Gertraud Lehner als Studentin

Quelle: Studienbuch von Gertraud Lehner, ausgestellt am 10.09.1940.





Gertraud Lehner auf einer Studienfahrt nach Italien
Gertraud Lehner (ganz links im Bild) auf einer Klassenfahrt nach Italien, Ostern 1963

Quelle: Albertus-Magnus-Gymnasium Regensburg: Jahresbericht (1962/63).





Gertraud Lehner an ihrem 80. Geburtstag
Gertraud Lehner an ihrem 80. Geburtstag

Quelle: Privatbesitz Gertraud Lehner

Wir danken Gertraud Lehner sehr herzlich für die zur Verfügung gestellten Fotos und Materialien.



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Gertraud Lehner: Ergänzungen


Gertraud Lehner studierte von 1940 bis 1944 an der Universität München Romanistik und Altphililogie, u.a. bei den Professoren Hans Rheinfelder, Gerhard Rohlfs und Kurt Huber. Am Albert-Magnus-Gymnasium Regensburg war sie als Studienprofessorin für Klassische Sprachen, Französisch und Italienisch tätig. Bis 1963 war sie Leiterin der Deutsch-Italienischen Dante-Alighieri-Gesellschaft Regensburg e.V. Am 20. Januar 2003 stellte sie sich, wie der Internetseite der Gesellschaft zu entnehmen ist, in der Weinschenk-Villa, Hoppe-Straße 6 für einen interessanten Begegnungsabend zur Verfügung. Frau Lehner erzählte von ihren Erlebnissen als Au-Pair-Mädchen in Italien zu Kriegszeiten (1938-1940). In der Ankündigung zu der Veranstaltung ist nachzulesen:

1938 versucht eine junge Deutsche, aus Hitlerdeutschland auszuwandern und sich eine Au-Pair-Stelle in Italien zu suchen.
Unter großen Schwierigkeiten gelingt es ihr, dort Fuß zu fassen und etwa zwei Jahre lang - bis nach dem Kriegseintritt Italiens - in Perugia, Rom und Mailand ihr Brot zu verdienen und sich weiterzubilden.
Diese unmittelbaren Eindrücke in einer problematischen Zeit in Italien stehen in einem interessanten Kontrast zu den Erlebnissen i[m] Italien von heute.
Gertraud Lehner, die viele Jahre am Albertus-Magnus-Gymnasium lehrte, ist das langjährigste Mitglied unserer Gesellschaft. Sie gehörte bereits seit ca. 1950 dem seinerzeit noch nicht eingetragenen Verein an und war darüber hinaus einige Jahre dessen Vorsitzende. Ihre vielfältigen Erfahrungen und ihre großen literarischen Kenntnisse lassen diesen Abend sicher zu einem anschaulichen Beispiel für erlebten Kulturaustausch werden.

Quelle: http://www.dig-regensburg.de/htm/januar2003.htm (23.02.05) (ks)

Gertraud Lehner ist dieses Jahr 87 Jahre alt geworden und lebt in Regensburg.

Quellen:



Verfasst von Kirsten Süselbeck.

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