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Elena Eberwein–Dabcovich
(1899–1970)



Elena Eberwein–Dabcovich: Leben und Schaffen


Romanisten als Verfolgte des Nationalsozialismus

Eberwein-Dabcovich, geb. Dabcovich, Elena, Prof. Dr. phil.

Biogr.: G: 13.10.1899 Istanbul; T: 5.1.1970 München; V. Dalmatier; M: Deutsche.

St: Studium der romanischen Philologie Wien; Prom: 1925 Wien bei Walther Küchler; Februar 1932 Assistentin Univ. Köln, von Leo Spitzer engagiert, ab 1933 Lehrveranstaltungen, nach Spitzers Suspendierung von nationalsozialist. Studenten angegriffen, trotzdem Lehrveranstaltungen bis SS 1937. 1945 Lektorin für Italienisch Univ. Hamburg; Habil: Februar 1948 Hamburg für romanische Philologie; WS 1951/52 Honorarprofessor, WS 1952/53 a. o. Professor TU Berlin; 30.6.1963 in den Ruhestand versetzt; dann wohnhaft in München.

FSchwp.: Franz., prov. u. ital. Literatur des Mittelalters; neuere franz. Literatur.

Schriften: Die psychologischen Bedingungen für das Werk von Francis Jammes, Phil. Diss. Wien 1925 (Masch.). Zur Deutung mittelalterlicher Existenz (Nach einigen altromanischen Dichtungen), Bonn-Köln 1933.

Aufsätze, Beiträge: Das Wort "novus" in der altprovenzalischen Dichtung und in Dantes "Vita Nova", in: Romanistisches Jahrbuch 2 (1949) 171 - 195. Balzac und die Wirklichkeit, in: Romanistisches Jahrbuch 3 (1950), 499 - 522. Die Fortentwicklung der "Querelle du Théâtre", in: Romanistisches Jahrbuch 7 (1955/56) 100-112. Syntaktische Eigentümlichkeiten der Fioretti, in: Syntactica und Stilistica. Festschrift für Ernst Gamillscheg zum 70. Geburtstag, Tübingen 1957, 83 - 109.

Biogr. Quellen: Kürschner 1950, 1954, 1961, 1966, 1970. Willi Jung, Elena Eberwein-Dabcovich, hier.

Bibl: In: Willi Jung, Elena Eberwein-Dabcovich.



Quelle: Christmann, Hans Helmut; Hausmann, Frank-Rutger (Hrsg.): Deutsche und österreichische Romanisten als Verfolgte des Nationalsozialismus. Tübingen, Stauffenburg, 1989: 276. (leicht modifiziert) (ws, gbb)

Wir danken Frau Brigitte Narr (Stauffenburg Verlag Tübingen) sehr herzlich für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf unserer Seite.

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Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender

Dabcovich, Elena, Dr. phil., ao. Prof. f. roman. Sprachen u. Lit. TU. Berlin-Nikolassee, von-Luck-Str. 41. (Istanbul 13.X.99) Roman. Philologie.



Quelle: Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender. Lexikon der lebenden deutschsprachigen Wissenschaftler. Hrsg. v. Dr. Gerhard Oesterreich. 8. Ausgabe. Berlin, Walter de Gruyter, 1954. (leicht modifiziert) (ks)

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Handbuch der deutschen Wissenschaft

Eberwein-Dabcovich, Elena Dr. phil. *13.10.99 Istanbul/Türkei. A: (24a) Hamburg 13, Heimhider Str. 14. LF: Romanische Philologie, Dozentin Univ. Hamburg. V: Z. Deutung mittelalt. Existenz (Eulalia, Aventure Celestina) 33.



Quelle: Handbuch der deutschen Wissenschaft. Bd. 2. Berlin, Koetschau, 1949. (leicht modifiziert) (ks)

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Wer ist wer?

Dabcovich, Elena

Dr. phil., ao. Prof. f. Roman. Sprache u. Lit. - Berlin-Halensee, Kronprinzendamm 5 - geb. 13. Okt. 1899 Istanbul (türk.), griech.-orthodox - promot. 1925 Wien, Staatsex. 1930 Hamburg - 1924-37 im Lehrfach u. als wiss.l. Univ. assist. tät., danach Übers. u. Bibliothekarin, 1945-50 Lektorin f. ital. u. Doz. (1949) Univ. Hamburg, sd. Honorar- u. ao. Prof. (1952) TU Berlin-Charl. - BV : Z. Deut. Mittelalterl. Existenz, 1933; D. Bedeut. Franz v. Assisis f. d. Beginn d. ital. Lit., 1954. S. 1925 Abh. u. Rezensionen in Fachztschr. (z.T. unt. Ps Eberwein).



Quelle: Wer ist wer? Das deutsche Who's Who. Hrsg. v. Walter Habel. Berlin- Grunewald, arani Verlags GmbH, 1955. (leicht modifiziert) (ks)

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Elena Eberwein-Dabcovich: Veröffentlichungen


Schriftenverzeichnis Elena Eberwein-Dabcovich

(die Verfasserin nennt sich Elena Dabcovich oder Elena Eberwein-Dabcovich, in der Dissertation Helena Dabcovich)

I. Bücher und Aufsätze:

  1. Die psychologischen Bedingungen für das Werk von Francis Jammes, Phil. Diss. Wien 1925 (Masch.)
  2. "Francis Jammes' Bedeutung für seine Zeitgenossen", in Die Neueren Sprachen 34 (1926), 41-45
  3. Zur Deutung mittelalterlicher Existenz (Nach einigen altromanischen Dichtungen), Bonn u. Köln: Röhrscheid 1933 (Kölner Romanistische Arbeiten, 7)
  4. "Das Wort 'novus' in der altprovenzalischen Dichtung und in Dantes 'Vita Nova'", in Romanistisches Jahrbuch 2 (1949), 171-195
  5. "Balzac und die Wirklichkeit", in Romanistisches Jahrbuch 3 (1950), 499-522
  6. "Glanz und Elend der Krawatte", in Das Deutsche Wandergewerbe, Fachblatt für das ambulante Gewerbe, Hamburg, 3 (1951), Nr. 19, 7
  7. "Die Marionette. Die Lösung eines künstlerischen und moralischen Problems durch einen technischen Gedanken", in Humanismus und Technik, Zeitschrift zur Erforschung und Pflege der Menschlichkeit, Berlin, 1 (1953), Heft 3-4, 145-152
  8. "Die Fortentwicklung der 'Querelle du Théâtre"', in Romanistisches Jahrbuch 7 (1955/56), 100-112
  9. "Die Selbstdarstellung einer Schauspielerin (Mlle. Clairon)", in Formen der Selbstdarstellung. Festgabe für Fritz Neubert, hg. von Günter Reichenkron und Erich Haase, Berlin: Duncker & Humblot 1956, 53-60
  10. "Syntaktische Eigentümlichkeiten der Fioretti", in Syntactica und Stilistica. Festschrift für Ernst Gamillscheg zum 70. Geburtstag, in Verbindung mit Mario Wandruszka und Julius Wilhelm hg. von Günter Reichenkron, Tübingen: Niemeyer 1957, 83-109

II. Rezensionen:

  1. Anna Siemsen, Literarische Streifzüge durch die Entwicklung der europäischen Gesellschaft, Jena 1925, in Die Neueren Sprachen 34 (1926), 320-321
  2. Julius Schmidt, Moderne französische Lyrik, Leipzig 1925, in Die Neueren Sprachen 34 (1926), 321
  3. Paul Wollmann, Textproben auf dem Gebiet der französischen Romantik, Braunschweig, in Die Neueren Sprachen 34 (1926), 321-322
  4. Eduard von Jan, Französische und deutsche Aufklärung, in Die Neueren Sprachen 36 (1928), 450-452
  5. Paul Kröher, Studienaufenthalt in England, Frankreich und der Schweiz, Berlin 1929, in Die Neueren Sprachen 38 (1930), 246
  6. Wilhelm Saure, Das Studium in Frankreich, Berlin 1929, in Die Neueren Sprachen 38 (1930), 246
  7. Th. Schön, Der kleine Toussaint-Langenscheidt für Spanisch, Berlin 1929, in Die Neueren Sprachen 38 (1930), 264
  8. Wilhelm Kellermann, Aufbaustil und Weltbild Chrestiens im Percevalroman, Halle/S. 1936, in Romanische Forschungen 53 (1939), 367-375
  9. Erich Auerbach, Mimesis, Bern 1946, in Romanistisches Jahrbuch 3 (1950), 573-574
  10. Georg Schreiber, Gemeinschaften des Mittelalters. Recht und Verfassung, Kult und Frömmigkeit, Münster - Regensburg 1948, in Romanistisches Jahrbuch 3 (1950), 574-580
  11. Hugo Friedrich, Montaigne, Bern 1949, in Romanistisches Jahrbuch 3 (1950), 587-595
  12. Erich Auerbach, Vier Untersuchungen zur Geschichte der französischen Bildung, Bern 1951, in Romanistisches Jahrbuch 6 (1953/54), 222-224
  13. Carteggio Croce - Vossler, Bari 1951, in Romanistisches Jahrbuch 6 (1953/54), 231-233
  14. Studia Romanica. Gedenkschrift für Eugen Lerch, in Romanistisches Jahrbuch 7 (1955/56), 133-134
  15. Dámaso Alonso, Estudios y ensayos gongorinos, Madrid 1955, in Romanistisches Jahrbuch 7 (1955/56), 378-380
  16. Walter Goetz, Dante. Gesammelte Aufsätze, München 1958, in Romanistisches Jahrbuch 9 (1958), 242-243
  17. Karl Maurer, Giacomo Leopardis 'Canti' und die Auflösung der lyrischen Genera, Frankfurt a. M. 1957, in Romanistisches Jahrbuch 9 (1958), 257-258


Quelle: Jung, Willi: "Elena Eberwein-Dabcovich." In: Christmann, Hans Helmut; Hausmann, Frank-Rutger (Hrsg.): Deutsche und österreichische Romanisten als Verfolgte des Nationalsozialismus. Tübingen, Stauffenburg-Verlag, 1989: 107-113, hier: 112-113. (leicht modifiziert) (ws, gbb)

Wir danken Frau Brigitte Narr (Stauffenburg Verlag Tübingen) sehr herzlich für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf unserer Seite.

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Elena Eberwein-Dabcovich: Nachrufe, Würdigungen, Festschriften


Romanisten als Verfolgte des Nationalsozialismus

Elena Eberwein-Dabcovich

Willi Jung (Bonn)

Die biographische Spurensicherung von Elena Eberwein-Dabcovich, einer Schülerin Leo Spitzers, steht heute, 17 Jahre nach ihrem Tode, vor zunächst nicht zu erwartenden Schwierigkeiten, denn ein Großteil der sie betreffenden Akten und Unterlagen ist entweder im Krieg verbrannt oder wurde inzwischen vernichtet. Den folgenden Ausführungen liegt in erster Linie das Datenmaterial der Universität zu Köln zugrunde: die Akte des Kölner Romanischen Seminars und die Personalakte Leo Spitzers. Eine Personalakte Eberwein-Dabcovich ist dort nicht erhalten und wurde wahrscheinlich auch nicht geführt [1].

Elena Dabcovich wurde am 13. Oktober 1899 in Istanbul geboren. Ihr Vater stammte aus Dalmatien, ihre Mutter war Deutsche. Es ist durchaus möglich, daß eine direkte verwandtschaftliche Beziehung mit der in Istanbul noch heute ansässigen jugoslawischen Schiffahrtsgesellschaft namens "Dabcovich" vorliegt [2].

Elena Dabcovich studierte Romanische Philologie an der Universität Wien und schloß ihre Studien 1925 mit einer Dissertation über "Die psychologischen Bedingungen für das Werk von Francis Jammes" ab. Da diese Arbeit nicht veröffentlicht wurde, ist dieser wichtige Teil ihres wissenschaftlichen Oeuvres der Romanistik unbekannt geblieben. Im Anschluß an ihre Dissertation veröffentlichte sie 1926 in den "Neueren Sprachen" einen kleinen Aufsatz über "Francis Jammes' Wirkung auf seine Zeitgenossen" [3].

Leo Spitzer, der von 1930 bis 1933 ordentlicher Professor für romanische und vergleichende Philologie an der Universität Köln war, vermittelte ihr die Möglichkeit, ab dem Sommersemester 1933 selbst Lehrveranstaltungen in Köln durchzuführen. Frau Dr. Eberwein - sie war inzwischen verheiratet - wurde aus einer vakanten Assistentur eine halbe Assistentenstelle übertragen [4]. Wie einem Schreiben des Romanischen Seminars an das Kuratorium der Universität zu entnehmen ist, hat Frau Dr. Eberwein in dieser Zeit die gesamten Assistentengeschäfte ohne Gegenleistung geführt. Ihre Bezüge waren ohnehin - wie aus demselben Schreiben hervorgeht - gering: sie erhielt eine monatliche Vergütung von 140,-- Reichsmark.

Nach Hitlers Machtergreifung nahmen die Aktivitäten der nationalsozialistischen Romanistikstudenten zu Beginn des Sommersemesters 1933 deutlich aggressivere Formen an, die in ihrem gesamten Ausmaß nicht aktenkundig wurden bzw. nicht erhalten sind [5]. Die Anfeindungen richteten sich insbesondere gegen den Institutsdirektor Leo Spitzer, der zur Zielscheibe antisemitischer Hetzkampagnen wurde. Mitarbeiter und Studierende, darunter auch Eberwein-Dabcovich, setzten sich gegen diese Anfeindungen couragiert und entschlossen zur Wehr, indem sie eine Kundgebung und eine Unterschriftenaktion für den Verbleib Leo Spitzers unter dem Datum des 19. April 1933 organisierten [6]. Diese Kundgebung und die allgemeine Situation am Romanischen Seminar im Sommersemester 1933 nahm die Fachschaft der Romanisten zum Anlaß, am 19. Juli 1933 dem Rektor einen "Bericht über die Zustände im Romanischen Seminar" vorzulegen, der vom "Leiter der Romanisten" unterzeichnet ist. Dieser Bericht beginnt mit den Worten: "Wir Nationalsozialisten protesteiren [sic!] gegen das weitere schädliche antinationalsozialistische Wirken der Assistenten des beurlaubten Prof. Spitzer." Den Assistenten wird vorgeworfen, sie seien nicht gewillt, im nationalsozialistischen Sinne zu arbeiten; das Romanische Seminar sabotiere die Arbeit der italienischen Faschisten des Petrarcahauses; durch das Verhalten der Assistenten sei ein "unheilbarer Riß zwischen Assistentur und Studenten geschaffen"; man habe am Geburtstag des "Führers" eine Kundgebung für den jüdischen Prof. Spitzer eingeleitet, was bei den Nationalsozialisten eine große Verärgerung hervorgerufen habe; bei dieser Kundgebung habe man sich abfällig über die Bewegung und ihren Führer geäußert; in Arbeitsgemeinschaften werde versucht, "in alter Spitzermanier das deutsche Gebet als erotisch darzustellen"; die Assistenten seien "offizielle Spitzel Prof. Spitzers", dem sie "in ganz unkameradschaftlicher Weise die Meinung der Studenten über den Professor, die naturgemäß nicht freundlich war, übermittelten." Einigen Assistenten werden darüber hinaus auch "sozialdemokratische und kommunistische Quertreibereien" unterstellt. Elena Eberwein-Dabcovich wird in diesem Bericht sowohl persönlich als auch wissenschaftlich besonders bösartig attackiert:

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2. Frau Dr. Eberwein, Hilfsassistentin und mit Übungen beauftragt.

a) fremdländischer Herkunft, obwohl in deutscher Sprache mit fremdem Akzent dozierend. Vater ist Dalmatiner mit serbo-slawischem Einschlag. Mutter Deutsche. Zeuge: [...]

b) Obwohl heute Frau Eberwein ihre "deutsche" Abstammung betont, äußerte sie auf dem Winterfest der Romanisten 1932 [...] gegenüber mit Stolz, daß sich 5 Nationen in ihrem Blut mischten. Zeuge: [...]

c) Frau Eberwein ist verheiratet.

d) Frau Eberwein besitzt nicht den geringsten Kontakt mit den Studenten, was eine Hörerzahl von 4 Leuten schlagend beweist.

e) nach Auffassung der Studierenden befähigt sie auf altfranzösische Fabeln spezialisiertes Wissen nicht, ein Seminar in größerem Rahmen im nächsten Semester abzuhalten. Dieses beabsichtigte Proseminar soll die Studierenden zwingen, ihre Übungen zu besuchen. Zeuge: [...]

f) Frau Eberwein kam durch die Günstlingspolitik des jüdischen Professors Spitzer im vorigen Semester nach Köln und bekleidet seitdem die völlig überflüssige Stelle einer Hilfsassistentin, obwohl schon vorher 3 Assistenten zugleich amtierten. [...]

Diese ausführlichen Zitate zeigen, wie sich das Klima nach der Machtergreifung Adolf Hitlers veränderte und die akademische Forschung und Lehre am Romanischen Seminar in Köln belastete. Die Kritik an Frau Eberwein bezieht sich schwerpunktmäßig auf ihre Herkunft, ihre wissenschaftliche Qualifikation und ihre Förderung durch Leo Spitzer.

Als Spitzer 1933 nach Istanbul berufen wurde, blieb die Direktorenstelle zunächst vakant; im WS 36/37 wurde sie von Dozent Dr. Hugo Friedrich vertreten und ab WS 37/38 wurde Fritz Schalk Institutsdirektor [7]. Ab diesem Semester werden auch die Stellen der Hilfsassistenten und Lehrbeauftragten aus dem Stellenplan gestrichen. Trotz aller Anfeindungen blieben Spitzers Mitarbeiter in den Jahren der Vakanz den romanistischen Idealen treu, und was Spitzer aus dem Exil 1937 über die Romanistik im allgemeinen schrieb, gilt auch für Köln im besonderen:

Das Bild, das ich entworfen habe, ist im Ganzen nicht ungünstig, trotz aller vorgebrachten Reserven. Die wissenschaftliche Tradition ist intakt, wenngleich sie nicht verbessert wurde, noch immer sind die Zeitschriften in altem Umfang vorhanden, einige haben sogar ihre Qualität verbessern können. Das liegt vielleicht an der Festigkeit der romanistischen wissenschaftlichen Erziehung: die Dinge erziehen den Forscher, ein wahrer Freund des Romanischen kann den neuen Idealen nicht erliegen [8].

Auch Eberwein-Dabcovich blieb diesen Idealen treu; dies zeigt u. a. ein Blick auf die Themen ihrer Lehrveranstaltungen, die sie vom SS 33 bis SS 37 im Grundstudium durchführte: neben einer Übersetzungsübung "Deutsche Wiedergabe schwieriger Texte der modernen französischen Literatur" hielt sie französische Proseminare ab über die "Dichtung des 16. Jahrhunderts", das "Drama des 18. Jahrhunderts", eine "Einführung in die Bedeutungslehre", über "Roman artiste und sozialer Roman in Frankreich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts", über "Rabelais", "Mallarmé", eine "Einführung in das Altprovenzalische", eine "Einführung in das Vulgärlateinische"; als Themen der italienischen Literatur behandelte sie "Frühitalienische Lyrik", "Italienische Romantik", "Dante: Divina Commedia", "Machiavelli: Il Principe" [9].

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Ab dem WS 37/38 erscheint Eberwein-Dabcovich nicht mehr im Kölner Vorlesungsverzeichnis. Ob außer der Stellenstreichung noch andere Gründe dafür maßgeblich waren, ist noch nicht geklärt; ungeklärt ist ebenfalls ihr Schicksal bis 1945. Die Frage, ob sie durch die Vermittlung Spitzers und seines Nachfolgers Auerbach eine Arbeitsmöglichkeit an der Universität Istanbul erhielt, ist noch zu beantworten. Keine Hinweise enthält der soeben erschienene Scurla-Bericht über die Tätigkeit deutscher Hochschullehrer in der Türkei 1933 - 39 [10]. Daß Frau Eberwein-Dabcovich die Kriegszeit in Istanbul bei Verwandten oder Angehörigen verbrachte, ist durchaus denkbar, da sie ja hier geboren war und Kontakte nach Istanbul nachweislich bis 1950 bestanden, denn in einer Rezension im Romanistischen Jahrbuch (3, 1950, S. 580) ist die Ortsangabe "Istanbul" zu finden. Möglich ist aber auch, daß sie die Jahre von 1938 bis 1945 in der inneren Emigration in Hamburg überlebte; es gibt einige Hinweise darauf, denen noch nachzugehen ist. Bereits 1945 wurde sie nämlich Lektorin für Italienisch an der Universität Hamburg. Im Februar 1948 bestand sie vor der Hamburger Philosophischen Fakultät ihr Habilitationskolloquium. Das Thema der Probevorlesung wurde als Aufsatz unter dem Titel "Das Wort 'novus' in der altprovenzalischen Dichtung und in Dantes 'Vita Nova'" im Romanistischen Jahrbuch (1949) veröffentlicht [11]. Als Habilitationsschrift wurde ihre 1933 in Köln erschienene Aufsatzsammlung "Zur Deutung mittelalterlicher Existenz" anerkannt. Am 19. Juni 1948 hielt sie ihre öffentliche Antrittsvorlesung über "Balzac und die Wirklichkeit", die als Aufsatz ebenfalls im Romanistischen Jahrbuch (3, 1950) erschien [12]. Im WS 51/52 wurde sie Honorarprofessorin an der Technischen Universität Berlin, dann ab WS 52/53 Extraordinaria für Romanische Sprachen und Literatur [13]. Ihre Lehrveranstaltungen und Publikationen wurden ab diesem Semester wieder unter ihrem Mädchennamen "Dabcovich" ausgedruckt. In Berlin hielt sie Lehrveranstaltungen zur französischen, italienischen und spanischen Literatur- und Geistesgeschichte ab, befaßte sich darüber hinaus aber auch mit romanischen Filmen. Sie wurde am 30.6.1963 in den Ruhestand versetzt und verstarb in München am 5. Januar 1970.

Die Akte Dabcovich im Archiv der Technischen Universität Berlin gibt kaum Aufschlüsse über die Vita Dabcovichs; sie spricht selbst davon, daß ihre Unterlagen im Krieg verbrannt seien. Die Personalakte, die im Landesarchiv Berlin bzw. Landesverwaltungsamt Berlin existierte, wurde in den 70er Jahren, damals routinegemäß, vernichtet [14].

Ihr wissenschaftliches Oeuvre ist vergleichsweise schmal, was sicherlich mit den schwierigen Zeitläuften und deren Auswirkungen auf ihre Gesundheit und Persönlichkeit zusammenhängt. Der französischen und italienischen Literatur, vor allem des Mittelalters, gilt vor allem ihr wissenschaftliches Interesse.

In ihrer Dissertation weist sie nach, daß man Jammes nicht mit einer bestimmten Richtung identifizieren könne; er steht "abseits aller Schlagworte in einem tiefen Zusammenhang mit allem Natürlichen". Wenn Jean de Gourmont über die nachfolgende Dichtergeneration sagte: "Ils ont dans l'âme le sanglot de Verlaine et l'émotion de Jammes", so ist damit nach Dabcovich prägnant und umfassend Jammes' Wirkung auf seine Zeitgenossen umrissen [15]. 1933 erscheinen in den von Leo Spitzer herausgegebenen Kölner Romanistischen Arbeiten als Band 7 drei Aufsätze unter dem Titel "Zur Deutung mittelalterlicher Existenz (Nach einigen altromanischen Dichtungen)", die die altfranzösische Eulalia-Sequenz, die Aventure in den altfranzösischen Lais und die Bedeutung der erweiterten Celestina-Fassung behandeln [16]. Ulrich Leo bescheinigt ihr in seiner Rezension der Aufsatzsammlung, daß sie "von innen und analytisch" verfahre und daß es ihr gelinge, aus wenigen ausgewählten Texten in exakter Stilanalyse den mittelalterlichen Menschen und seine "Existenz" selber sprechen zu lassen. Er schließt mit den Worten:

Wir wünschen sehr, daß die Vf. ihre Arbeit fortsetze, und hoffen, aus ihrer Hand weitere Belege zu empfangen, wie sehr die stilforschende Methode zur Bewältigung so großer Aufgaben wie der Analyse des mittelalterlichen Menschen geeignet ist [17].

Entgegen den hier ausgesprochenen Erwartungen mußte Frau Eberwein-Dabcovich ihre Arbeit bis zum Kriegsende unterbrechen; auch wenn sie nach dem Krieg ihre Arbeit in vollem Umfang wiederaufnehmen konnte - die rasche Habilitation in Hamburg und die baldige Berufung auf eine außerordentliche Professur an die TU Berlin den von Ulrich Leo formulierten Wunsch also mehr als erfüllten - so bleibt für sie dennoch die Erfahrung des 3. Reichs bestimmend für ihre Vita bis hin zu ihrem Tod 1970. In ihrer Antrittsvorlesung hatte sie scharfsinnig Balzacs Wirklichkeitsbegriff im Zusammenhang mit Hannah Arendts Begriff der "leeren Realität" interpretiert, mit der die moderne Philosophie beginnt [18]. Hannah Arendt spricht von der "Welt, die ihren Realitätscharakter verloren hat". In Eberwein-Dabcovichs Interpretation von Literatur spiegelt sich zugleich die existentielle Grundbefindlichkeit der Interpretin, die sich nach dem Krieg von "leerer Realität" in jeder Beziehung umgeben sah. Von der Literatur, die sie in der Nachfolge Leo Spitzers mit der stilkritischen Methode zu deuten suchte, erwartet sie aber auch eine theoretische Fundierung und zugleich eine Theorie des Handelns. Ihre Vorstellungen bringt sie in ihrer Besprechung von Auerbachs "Mimesis" auf den Begriff: "Leider ist Auerbach in seiner Vermeidung theoretischer Erörterungen nicht in der Lage gewesen, uns Handhaben gegen diktatorische Natürlichkeit zu geben. Diese erregende Problematik der Mimesis kann allzu leicht im Münchener Kunstpalast der dreißiger Jahre und dessen Ausläufern in der heutigen Welt versanden" [19].

Elena Eberwein-Dabcovich gehört nach den bisher vorliegenden biographischen Fakten sicherlich nicht zum engeren Kreis der vom Nationalsozialismus verfolgten und ins Konzentrationslager verschleppten Romanisten; die Spuren ihrer inneren Emigration oder des Exils, in Hamburg oder Istanbul, sind noch zu verfolgen und eine Reihe von Fragen noch zu beantworten. Man wird ihr kaum, wie so manchen berühmten Emigranten wie Spitzer und Auerbach, eine Wegbereiter-Funktion zusprechen können. Die Lektüre ihrer Forschungsarbeiten ist aber auch der jüngeren Romanistengeneration nachdrücklich zu empfehlen, da sich in ihnen stilkritische Methode und existentielle Reflexion auf ganz besondere Weise gegenseitig durchdringen. Leben und Werk von Frau Elena Eberwein-Dabcovich sollten auch deshalb nicht zuletzt in Vergessenheit geraten, weil sie nicht nur eine der wenigen weiblichen Vertreterinnen des Faches Romanische Philologie gewesen ist, sondern auch weil ihr Schicksal repräsentativ ist für das so vieler Angehöriger des Mittelbaus in jener Zeit. Ihre Biographie vermittelt daher auch einen Einblick in die Geschichte des romanistischen Mittelbaus während der nationalsozialistischen Herrschaft, deren Bearbeitung nicht nur zur Bewältigung eines Kapitels der Wissenschaftsgeschichte beitragen könnte.

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Fußnoten:

  1. Archiv der Universität Köln, Universitätsstraße 33, 5 Köln.     [zurück]
  2. Diesen Hinweis verdanke ich Frau Gabriele Sonnenschein, TU Berlin.     [zurück]
  3. Vgl. Nr. 2 des Schriftenverzeichnisses von E. Dabcovich.     [zurück]
  4. Schreiben vom 18.XI.1933, Bestand: Zugang 9/270, Archiv der Universität Köln.     [zurück]
  5. Die Zeit des Nationalsozialismus wird in der neuen Universitätsgeschichte, die zum 600jährigen Jubiläum 1988 erscheinen wird, in den Bänden 6 und 7 abgehandelt:
    • Band 6 Frank Golczewski, Die Universität Köln und der Nationalsozialismus. Darstellung. Ca. 350 Seiten.
    • Band 7 Frank Golczewski, Die Universität Köln und der Nationalsozialismus. Dokumente, Quellen- und Literaturverzeichnis, Gesamtregister. Ca. 150 Seiten.
    Auf beide Bände darf man gespannt sein, da aus ihnen auch zahlreiche Rückschlüsse auf die seminarinterne Situation möglich sein werden.     [zurück]
  6. Vgl. Archiv der Universität Köln, Bestand: Zugang 197/66 und für die folgenden längeren Zitate Bestand: Zugang 9/270.     [zurück]
  7. Vgl. die Institutsteile der entsprechenden Kölner Vorlesungsverzeichnisse.     [zurück]
  8. Leo Spitzer, "Die romanistischen Zeitschriften im Deutschen Reich", in Maß und Wert (hg. v. Thomas Mann und Th. Falke) 1937.     [zurück]
  9. Vgl. die Vorlesungsverzeichnisse der Universität Köln vom Sommersemester 1933 bis zum Sommersemester 1937.     [zurück]
  10. Herausgegeben und eingeleitet von Klaus-Detlev Grothusen (Zentrum für Türkeistudien, 3), Dagyeli Verlag Bad Godesberg 1987.     [zurück]
  11. Als Fußnote 1), S. 171, schreibt Elena Eberwein-Dabcovich: "Den folgenden Ausführungen liegt ein Colloquium zugrunde, das im Februar 1948 vor der Hamburger Philosophischen Fakultät gehalten wurde. Früher gesammeltes Material zu diesem Thema verbrannte im Krieg und kann im Augenblick zum größten Teil nicht wieder beschafft werden."     [zurück]
  12. Vgl. auch Fußnote 1), S. 499: "Der vorliegende Artikel ist die unveränderte Wiedergabe meiner öffentlichen Antrittsvorlesung, gehalten in Hamburg am 19. Juni 1948. Obwohl inzwischen Erweiterungen stattfanden anhand meiner Vorträge in Göteborg und Oslo im Herbst 1949, ist hier auf deren Benutzung verzichtet worden. Die Ausblicke, die sich von der Themastellung aus eröffnen, werden in einem Anhang am Schluß kurz erörtert."     [zurück]
  13. Vgl. die entsprechenden Vorlesungsverzeichnisse der TU Berlin.     [zurück]
  14. Für die die Berliner Zeit betreffenden Angaben danke ich besonders Herrn Prof. Dr. K. Hunnius und Frau G. Sonnenschein von der TU Berlin für ihre wertvollen Hinweise.     [zurück]
  15. S. Die Neueren Sprachen XXXIV (1926), 44 - 45.     [zurück]
  16. Vgl. im Anhang Nr. 3 des Schriftenverzeichnisses.     [zurück]
  17. Ulrich Leo, Archivum Romanicum 20 (1936), 512 - 514, hier 514.     [zurück]
  18. Vgl. RJb 3 (1950), bes. S. 515 ff.     [zurück]
  19. Ebda. S. 574.     [zurück]


Quelle: Christmann, Hans Helmut; Hausmann, Frank-Rutger (Hrsg.): Deutsche und österreichische Romanisten als Verfolgte des Nationalsozialismus. Tübingen, Stauffenburg, 1989: 107-112. (leicht modifiziert) (ws, gbb)

Wir danken Frau Brigitte Narr (Stauffenburg Verlag Tübingen) sehr herzlich für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf unserer Seite.

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