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Alice R. Bergel
(*1911)



Alice R. Bergel: Leben und Schaffen


Bergel, Alice R., geb. Berger, Dr. phil., Prof. em.

Biogr: G: 15.6.1911 Berlin; R: jüdisch; V: Bruno Berger; M: Else Berger, von Nazis ermordet; verh: 1938 Prof. Kurt Bergel, geb. in Frankfurt; Kinder: Peter Robin 1944; Emigr. 1939 England, 1940 USA.

St: 1917 - 29 Auguste-Viktoria-Schule Berlin, 1929 Abitur; Studium Romanische Philologie (Französisch, Spanisch), Latein und Philosophie in Berlin und Freiburg (SS 1931); Prom. bei E. Gamillscheg 1933. Lehrtätigkeit: 1933 "Romanistische Gesellschaft" Berlin, Altprovenzalisch; Landschulheim Caput 1935 - 38 Französisch, Deutsch, Hebräisch; nach Emigr. in England 1939 - 40 Englisch und Mathematik für Flüchtlingskinder; in USA von 1941 an: 1941 Norton, Spanisch, 1941 - 47 Deep Springs Calif., Französisch, Spanisch, Deutsch, Latein, "Great Books", Griechisch; 1948 Los Angeles-City-Coll. Deutsch; 1948 - 76 East L. A. Coll. Französisch, Spanisch, Deutsch, Philosophie; 1976 - Chapman Coll. Orange, Calif., Französisch, Deutsch, Philosophie, "World-Literature", Mythology, Latein; 1961 - 62 Calif. State Univ. Fullerton, Französisch, Deutsch, "World Literature"; Herbst 1965 Univ. of Calif. Irvine, Deutsch.

Schriften: Diss.: Der Ausdruck der passivischen Idee im Altfranzösischen [= Berliner Beiträge zur Romanischen Philologie Bd. IV, 1], Jena und Leipzig, 1934. Albert Schweitzer, Leben und Denken, New York: Holt 1949 (zus. mit Kurt Bergel). Übersetzerin aus dem Portugiesischen und dem Amerikanischen.

Quellen: Schriftliche Auskunft in Korrespondenz 1987, hier, S. 48 ff.; Directory III, 40 (Bibl.).



Quelle: Christmann, Hans Helmut; Hausmann, Frank-Rutger (Hrsg.): Deutsche und österreichische Romanisten als Verfolgte des Nationalsozialismus. Tübingen, Stauffenburg, 1989: 272. (leicht modifiziert) (an, gbb)

Wir danken Frau Brigitte Narr (Stauffenburg Verlag Tübingen) sehr herzlich für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf unserer Seite.

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Alice R. Bergel: Dokumente


Anhang brieflicher Zeugnisse Betroffener

1. Brief von Prof. Dr. Alice R. Bergel, Orange (California), vom 18. Juni 1987. Frau Prof. Bergel wurde als Alice Berger am 15.6.1911 in Berlin geboren. Sie studierte in Berlin Romanistik, Latein und Philosophie und promovierte 1933 über Der Ausdruck der passivischen Idee im Altfranzösischen, Berlin 1934 (= Berliner Beiträge zur Rom. Phil. 4) bei E. Gamillscheg. Sie konnte noch 1939 emigrieren, ein Teil ihrer Familie wurde von den Nazis ermordet.

Im März 1933 unterrichtete ich im Rahmen der Romanischen Gesellschaft der U. Berlin einen Kurs in Altprovenzalisch. Er endete am 31. März. Am 1. April konnte ich nicht in die Universität wegen des jüdischen Boykotts. Am 9. Mai ging ich in die Portiersloge des Aulagebäudes, in dem sich das Romanische Seminar befand, wo ich sehr gut bekannt war, weil ich dort täglich von früh morgens bis spät abends an meiner Dissertation arbeitete. Darum ließ mich der Portier eintreten, und ich besah mir die Bücher, die dort aufgeschichtet waren, um am nächsten Tag auf dem Opernplatz verbrannt zu werden. Das erste Buch, das ich in die Hand nahm, war ... Boccaccio's Decamerone! Man wußte also nicht, was man verbrannte.

Während ich meine mündliche Doktorprüfung machte, zwischen dem 11. und 20. Juli, wurde mir bekanntgegeben, daß ich von der Universität ausgeschlossen sei, als Jüdin und weil ich einmal in früheren Jahren der sozialistischen Studentenschaft angehört hatte. Ich werde meinem Doktorvater, Prof. Gamillscheg, immer dankbar sein dafür, daß er es durchgesetzt hat, daß ich schließlich doch mein Diplom bekommen habe (im Februar 1934, nachdem ich die Dissertation für den Druck stark verkürzt hatte) [...]. Emigration und Exil haben einen entscheidenden Einfluß auf meinen Beruf - nicht auf meine Berufswahl - und meine romanistische Lehr- und Forschungstätigkeit gehabt. Ich bin mit DM (sic!) 10.00 in der Tasche aus Deutschland weggegangen, zuerst nach England, weil ich noch kein Visum für Amerika hatte, dann, 1940, nach Amerika. Ich unterrichtete Englisch für Flüchtlinge (in England), dann in Amerika alles, was sich gerade bot. So war ich z. B. Dienstmädchen in einem wohlhabenden Hause und "counselor" in einem "camp" für Kinder. Langsam arbeitete ich mich in Schulen und colleges hinein und unterrichtete Griechisch, Latein, Französisch, Spanisch und Deutsch. Aber der Kampf um das tägliche Leben erlaubte mir nicht, Forschungsarbeit zu tun, und so habe ich in Romanistik nie mehr etwas veröffentlicht. Nur zu vielen Tagungen bin ich im Laufe der vielen Jahre gegangen, um mich auf dem laufenden zu halten. Wäre ich in Deutschland geblieben, so hätte ich mich in Romanischer Philologie habilitiert und wäre, wie ich hoffte, Professorin an einer deutschen Universität geworden. Prof. Gamillscheg hielt mich für befähigt genug dafür.

(48-49)

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2. Brief von Prof. Dr. Alice Bergel, Orange (California), vom 29. August 1987.

Im Februar 1933 kam eines Tages ein Kommilitone, den ich aus Seminaren kannte, mit Namen Kummer [vermutlich Günter Kummer, der über Das Nachwirken der antiken komischen Dichtung in den Werken von Rabelais, Berlin 1937, promovierte. Anm. d. Vf.], ins Romanische Seminar in Berlin und sah furchtbar niedergeschlagen aus. So fragte ich ihn, was los sei. Da sagte er mir: "Ich bin vom Staatsdienst ausgeschlossen worden". (Er war Studienreferendar und unterrichtete an einem Gymnasium). Auf meine spöttische Frage hin, ob es sei, weil er eine jüdische Großmutter habe (er sah sehr "deutsch" aus), meinte er, das sei der Grund, und seine Stimme sei unter den 17 Millionen gewesen, die Hitler an die Macht gebracht hatten. Eines Tages klagte mir ein Assistent im Romanischen Seminar, den ich natürlich gut kannte, sein Leid: er käme gar nicht zur wissenschaftlichen Arbeit, da er immer nachts bis ein Uhr in der SA marschieren müsse. Ich konnte mich nicht enthalten zu sagen: "Sie erwarten doch hoffentlich von m i r kein Mitleid deswegen". [...]

Nach der Kristallnacht betrieben wir unsere Auswanderung energischer als vorher. Wie Sie vielleicht wissen, mußte man alles, was man besaß, auf großen Listen aufführen, und alles, was vor 1933 gekauft war, durfte man mitnehmen: was zwischen 1933 und 1937 gekauft worden war, mußte man Stück für Stück 50% bezahlen, und was nach 1937 gekauft worden war, 100%. Da wir 1938 geheiratet hatten, besaßen wir z. B. eine Couch, die meine Mutter uns zur Hochzeit geschenkt hatte und auf besondere Weise hatte anfertigen lassen, so daß sie als Sofa und als Doppelbett dienen konnte. Als der Beamte, der die Listen prüfte, ins Haus kam, fragte er, wieviel die Couch gekostet hätte. Ich wußte es nicht. Da sagte er, ich müsse es angeben, sonst würde er einen Preis, einen hohen Preis, dafür ansetzen. Und so ging es mit allen Hochzeitsgeschenken.

Eines Tages wurden wir auf das Finanzamt in Düsseldorf beordert, um die Steuerfragen zu klären. Als ich hinkam, wurde ich auf den nächsten Tag bestellt. Der nächste Tag war ein Sonnabend, und das Amt schloß um 12 Uhr, d. h. zu der Zeit, zu der ich bestellt wurde. Es war niemand mehr im ganzen Haus außer einem Beamten, der mich in eine lange Unterhaltung verwickelte (ich war damals jung und nicht unansehnlich). Ich hatte große Angst. Er redete aber mit mir sehr vernünftig, und im Laufe des Gesprächs kamen allerhand erstaunliche Dinge ans Tageslicht. Er sagte mir z. B., daß er in der Kristallnacht jüdische Geschäfte eigenhändig zerstört habe, aber die Tränen seien ihm dabei aus den Augen gelaufen. Als ich ihn fragte, warum er es dann getan habe, sagte er: "Für das Volk". Da hatte ich das zerschmetternde Gefühl, daß hier zerstört und getötet wurde um eines leeren Wortes willen, denn es war klar, daß hinter dem Wort "Volk" für ihn nichts Reales stand. Dann machte er sich darüber lustig, daß ich als Frau ein Doktorat hatte. Da fragte ich ihn, ob er nicht meine, daß z. B. Mme Curie Großes in der Wissenschaft habe leisten können. Worauf er: "Halten Sie sich für eine Mme Curie?" - Dann gestand er mir, daß dies das erste Mal in seinem Leben sei, daß er mit einem Juden spreche; er habe nie einen Juden kennengelernt. Und zum Schluß wollte er mir die Hand schütteln. Ich gab ihm meine Hand, weil ich mir dachte, daß ich meinen Mann und meinen Schwiegervater gefährden würde, wenn ich ihm sagte, daß ich Mördern und Verbrechern nicht die Hand schüttle.

(49-50)

Quelle: Christmann, Hans Helmut; Hausmann, Frank-Rutger (Hrsg.): Deutsche und österreichische Romanisten als Verfolgte des Nationalsozialismus. Tübingen, Stauffenburg, 1989: 48-50. (leicht modifiziert) (an, gbb)

Wir danken Frau Brigitte Narr (Stauffenburg Verlag Tübingen) sehr herzlich für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf unserer Seite.

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