Zurück zur StartseiteWeiter zum Index
Einleitung


 

Ein Blick in das 1996 erschienene Lexicon Grammaticorum: Who's Who in the History of World Linguistics zeigt, wie unterrepräsentiert Frauen in der Wissenschaftsgeschichte nach wie vor sind: Von den ca. 1500 Einträgen des Lexicon sind lediglich 21 Frauen gewidmet. Dies entspricht einem Anteil von 1,4% und liegt deutlich unter demjenigen der Encyclopedia Britannica mit 12%, des Literaturbrockhaus (1995) mit 7% oder von Meyers Enzyklopädischem Lexikon in 25 Bänden (1971-1979) mit 4% (zu den Zahlen vergleiche man Berühmte Frauen 2, hrsg. v. Susanne Gretter und Luise F. Pusch, Frankfurt am Main & Leipzig 2001: 6).

Für den deutschsprachigen Raum tritt im Lexicon Grammaticorum nur eine Romanistin in Erscheinung: Elise Richter. Ihre Habilitation jährt sich in diesen Tagen zum einhundertsten Male, was wir zum Anlass nehmen möchten, genau heute die Seite ins Netz zu stellen: Am 25. April 1905 hielt Elise Richter ihren Probevortrag zur Celestina.

Es sollten jedoch zwei weitere Jahre vergehen, bevor das Ministerium die Venia legendi bestätigt. In ihren autobiographischen Aufzeichnungen erinnert sich Elise Richter (Summe des Lebens, Wien 1997: 110) an die Worte des zuständigen Hofrates Kelle, der ihr - die Entrüstung ist deutlich zu spüren - entgegnet:

Was wollen Sie eigentlich? Für Männer ist die Dozentur der Anfang der Laufbahn, für Sie zugleich das Ende. Niemals werden Sie zur Professur zugelassen werden.

Die hinter ihr liegenden Schwierigkeiten werden in den Erinnerungen (Summe: 109) mit der Elise Richter eigenen Ironie kommentiert:

Auch ein anderes Stück, der im Volkstheater gegebene "Privatdozent", ergab viele Beziehungen zu der Schwierigkeit meiner Bestrebungen, besonders der Satz "Privatdozenten seien dazu da, die Professorentöchter zu heiraten" und auf diese Weise "Karriere zu machen", was mir ja versagt war.

Dabei ist "die Richter" - oder, wie Schuchardt (vgl. Summe: 35) sie in seiner Art nennt: "die Tante Elise" - eine "schulmäßig" Studierte: Sobald dies in Österreich für Frauen möglich ist, immatrikuliert sie sich an der Wiener Universität. Wir schreiben das Jahr 1897, und Elise Richter ist 32 Jahre alt.

1901 erhält sie den Doktortitel - damals eine kleine Sensation: Beim Einzug, so Elise Richter (Summe: 105), "ging ein Flüstern durch die Reihen: 'Eine Dame!'"

Der Doktortitel ist es auch, der im Hause Richter die eine von der andern Schwester unterscheiden hilft: Leo Spitzer (Romance Philology 1/4, 1948: 331) erinnert sich, dass das Dienstmädchen entweder "Frau Dr. Richter" oder "Fräulein Richter" ankündigt.

1905 erfolgt die Habilitation, und Elise Richter wird die erste Privatdozentin Österreichs (Deutschland kann man hier getrost mit einschließen).

Was vielen Männern eine glanzvolle Karriere garantiert hätte, verschafft ihr nicht mehr als den Titel einer außerplanmäßigen Professorin - den sie erst über fünfzehn Jahre später, im Januar 1921 erhält. Und obwohl sie der Wertschätzung ihres Lehrers Meyer-Lübke gewiss sein kann - der sie gerne als seine Nachfolgerin auf der Wiener Lehrkanzel sähe, der "aber die Wahl nicht durch Nebenschwierigkeiten verwirren" will (Summe: 111) -, wird auch das späte Ansuchen, sie zu ihrem siebzigsten Geburtstag zur ordentlichen Professorin zu ernennen, von den zuständigen Stellen abgelehnt (vgl. Summe: [241]).

Aufgrund ihrer herausragenden Persönlichkeiten ist man stets versucht, die beiden grandes dames der Romanistik, Elise Richter und Caroline Michaelis, einander gegenüberzustellen.

Caroline Michaelis wird am 15. März 1851 in Berlin geboren; Elise Richter erblickt am 2. März 1865 in Wien das Licht der Welt. Ist es Elise Richter möglich, die Universität "offiziell" zu besuchen, so ist Carolina Michaëlis de Vasconcelos, "nicht eine schulmäßig 'gelernte'", sondern eine "geborene Romanistin", wie Elise Richter in ihrem Nachruf schreibt. Veröffentlicht Caroline Michaelis bereits im Alter von 16 Jahren ihre erste kleine romanistische Studie (und das im renommierten Archiv für das Studium der Neueren Sprachen und Literaturen), so erscheinen Elise Richters Publikationen erst nach grundlegendem Studium und in fortgeschrittenem Alter der Autorin. Bleiben Caroline Michaelis die Tore der Berliner Universität verschlossen und hat sie vor allem Bücher als Lehrmeister und bezeichnet sich selbst als "Autodidaktin", so stehen Elise Richter die Türen der Wiener Universität (relativ) offen, und sie hat Gelegenheit, wissenschaftliches Arbeiten im Seminar zu erlernen. Verläßt Caroline Michaelis im Alter von 25 Jahren Berlin, um sich im Land ihres Ehemannes niederzulassen, so möchte Elise Richter ihre Wiener Heimat nicht aufgeben - und dies auch noch nach den Ereignissen von 1938. Ist Caroline Michaelis verheiratet und hat eine eigene Familie, bleibt Elise Richter ledig und lebt mit ihrer Schwester Helene zusammen. Erhält Caroline Michaelis - ohne formale Qualifikation (sieht man vom Doctor honoris causa ab) - eine Professur, bleibt Elise Richter diese akademische Anerkennung - trotz ihrer Qualifikation - zeitlebens versagt. Ist Caroline Michaelis ihr Leben lang Philologin, widmet sich etymologischen Fragen und kritischen Textausgaben, so greift Elise Richter schnell neue Strömungen auf und ist schon früh auf dem Gebiet der Phonetik und Phonologie tätig - nichtsdestotrotz wird sie bei der Einrichtung des phonetischen Instituts nicht berücksichtigt (vgl. Summe: 175).

Die beiden Romanistinnen unterscheiden sich aber noch in anderer Hinsicht: Ist Elise Richter in der deutschsprachigen Romanistik relativ bekannt, so kann man dies für Caroline Michaelis nicht unbedingt behaupten. Hier kennen sie im wesentlichen die Lusitanisten, und es ist bezeichnend, dass auch das Lexicon Grammaticorum ihr keinen Eintrag widmet. Dagegen ist sie in ihrer Wahlheimat Portugal eine Institution: Man benennt Straßen, Schulen und Kindergärten nach ihr, und das Germanistische Institut der Universität Coimbra würdigt ihr langjähriges Wirken und Schaffen, indem es sie zur Namenspatronin wählt. Ähnliches ist auch in Trier für einen Lehrstuhl der Portugiesischen Kulturwissenschaft geplant, jedoch wird die Namensgebung von deutscher Seite nie offiziell anerkannt. Zur achtzigsten Wiederkehr des Todestages scheint es an der Zeit, dass auch ihre Geburtsstadt Berlin die Wissenschaftlerin mit einer Straße ehrt [Link].

Dem Motto von Rita Süssmuth folgend, soll www.romanistinnen.de "sichtbar" machen, dass es eine Reihe von Frauen gibt, die auf romanistischem Gebiet tätig sind. Dabei wird der Begriff "Romanistin" nicht allzu eng gefasst: Käte Hamburger zum Beispiel ist aufgrund ihrer Arbeiten zur Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft aufgenommen; auch Hedwig Dohm assoziiert man zunächst nicht unbedingt mit der Romanistik, und nur wenige werden die Spanische Nationalliteratur in ihrer geschichtlichen Entwicklung kennen.

Zur Sichtbarmachung der Leistung gehört es, dass die Frauen nicht im Schatten, sprich im Lexikoneintrag der Ehemänner geführt werden, wie dies im Fall von Hedwig Dohm oder Caroline Michaelis in Meyers Konversations-Lexikon (Leipzig & Wien 1895-1897) geschieht. Auch ein lapidares "sie war während ihres gesamten Lebens seine wichtigste Mitarbeiterin" (vgl. Diccionario biográfico español contemporáneo 1970; s.v. Menéndez Pidal) wird dem Wirken von María Goyri nur unzureichend gerecht.

Im Rahmen dieser Seite wird es dagegen möglich sein, den Frauen ihren eigenständigen Platz in der Wissenschaftslandschaft zu geben.

Es bleibt eines der Ziele, zu weiteren Untersuchungen anzuregen, sei es, dass eine bisher verkannte oder vergessene Frau ins Zentrum einer spezifischen Studie rückt, sei es, dass zu einer relativ bekannten Frau bisher Unbekanntes (z.B. zum verbliebenen Nachlass etc.) zu Tage gefördert wird.

Da es sich um ein Werk "in progress" handelt, sollte man keine "fertigen" Antworten erwarten, und manch einer oder manch eine mag enttäuscht sein, dass es uns (noch) nicht möglich war, fehlende Lebensdaten zu ergänzen. Im allgemeinen sind wir nur so gut wie unsere Quellen, aber wir freuen uns über Zuschriften, Ergänzungen, Erweiterungen oder Präzisierungen, die wir dann unter Nennung des Namens gerne aufnehmen. Insofern könnte aus www.romanistinnen.de ein interaktives Forum werden, und schon heute darf ich Ulrike Mühlschlegel vom Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin als "externe" Mitarbeiterin begrüßen.

In besonderem Maße dankbar sind wir für Hinweise zu nicht mehr aktiven Links.

Zu Aufbau und Struktur der Seiten sei Folgendes angemerkt: Die einzelnen Einträge weisen Rubriken auf, in denen Lexikoneinträge ("Leben und Schaffen"), bibliographische Informationen ("Veröffentlichungen" bzw. "Bibliographie"), Nachrufe und sonstige Würdigungen ("Nachrufe, Würdigungen, Festschriften"), Fotos, Briefe, Ansprachen, Autobiographien etc. ("Dokumente") zusammengestellt sind. In der Rubrik "Ergänzungen" finden sich unter anderem auch Hinweise auf Nachlässe.

Dass sich Doppelungen nicht immer vermeiden lassen, versteht sich von selbst, und wir bitten um Nachsicht, wenn ein zweiter oder dritter Lexikoneintrag nur eine neue Information - zum Beispiel zum Wohnort - enthält. Wer historisch arbeitet, weiß, wie mühsam es sein kann, diese Fakten zu rekonstruieren.

Es stellt sich die grundsätzliche Frage, ob in die Tiefe oder in die Breite gearbeitet werden soll, sprich: ob zu einer Person möglichst viele Informationen zusammengetragen oder ob möglichst viele Personen aufgenommen werden sollen. Wir werden versuchen, beiden Richtungen Rechnung zu tragen, wobei hin und wieder persönliche Neigungen zu Tage treten werden.

Die hier vorgestellte Seite knüpft an die Unterseite "Bekannte und weniger bekannte Romanistinnen" von http://www.lingrom.fu-berlin.de/frauen-in-der-romanistik/ an. Ich möchte an dieser Stelle Guido Mensching [Link] von der FU Berlin sehr herzlich dafür danken, dass ich unsere Ideen zu Konzeption und farblicher Gestaltung hier fortführen kann.

Der Aufbau strebt funktionalen Minimalismus an: einfache Struktur und klare Farbgebung sollen die Orientierung erleichtern; eine detaillierte Navigation soll hohe Mobilität ermöglichen; die Einfachheit der Formate soll ein schnelles Laden sicherstellen.

An der Realisierung der Seite sind viele fleißige Hände und vor allem flinke Köpfe beteiligt. Ich denke noch gerne an die intensiven Treffen mit Ana Isabel Sühling (ais) zurück, der ich an dieser Stelle herzlich für die angenehme Zusammenarbeit danken möchte. Mein Dank geht auch an Hiltrud Lautenbach (hl) und Brigitte Jostes (bj), auf deren Vorarbeiten wir aufbauen konnten. Ebenfalls im Vorfeld und mit viel Verve war Vera Eilers tätig, der ich hier ebenso Dank sagen möchte. Juliane Seifert (js) hat viele Monate lang sorgfältig recherchiert und mich in dieser Hinsicht ungemein entlastet. Auch an sie geht ein herzliches Dankeschön.

In Marburg unterstützen mich von nun an Anja Napierala (an), Maike Kaut (mk), Bettina Herrmann (bh), Wiebke Schrader (ws), Susanne Klink (sk), Lisa Hartwig (lh), Kirsten Süselbeck (ks) und Astrid Lohöfer (al), von denen jede tatkräftig zum Gelingen des Ganzen beigetragen hat und hoffentlich noch lange beitragen wird.

Zum Abschluss ist es mir eine große Freude, die wichtige Hilfe und Unterstützung hervorzuheben, mit der mir Christiane Musketa (cm) in allen praktischen Fragen zur Seite stand und steht: Ohne sie, ohne ihr unerschütterliches Engagement, ihre ansteckende Begeisterungsfähigkeit, ihre Sorgfalt, Unermüdlichkeit und Kreativität wäre es nicht möglich, diese Seite heute ins Netz zu stellen.

Ihnen allen meinen ganz herlichen Dank!


Gabriele Beck-Busse

Marburg, den 25. April 2005


Aktualisiert am 1.5.2010 (al)

Anfang des Eintrags
Seitenanfang

Index
Startseite